REFORMATIONES

Das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen des Reformationsjubiläums. Damit ist natürlich im engeren Sinne DIE Reformation Martin Luthers gemeint. Aber Luther selbst ist nicht ohne vorhergehende Reformationsbewegungen zu verstehen und die Kirchengeschichte im Allgemeinen lässt sich als eine Abfolge dauernder „Reformationen“ beschreiben, die von dem großen protestantischen Theologen Karl Barth mit der Losung „ecclesia semper reformanda“ im 20. Jahrhundert ins Wort erhoben wurde.

Der Plural in unserem Reihenmotto für 2017, „Reformationes“, bietet so den Anknüpfungspunkt für 6 Konzerte innerhalb des mittelalterlichen Zeitrahmens von Via Mediaeval und in Bezug auf das diesjährige Motto „Epochen und Episoden“ des Kultursommers. Diese können und sollen aber durchaus den vorbereitenden Blick auf die Musikwelt der Reformation des 16. Jahrhunderts werfen, die selbst allerdings außerhalb der Zeitgrenze unserer Konzertreihe liegt.

In Böhmen und Mähren finden sich bereits im Mittelalter reformatorische Bewegungen: Kaiser Karl IV. (1316– 1378) stößt selbst vielfältige Neuerungen in der Verwaltung („Goldene Bulle“) und Bildung (Gründung der Prager Universität) an, in deren Folge sich eine spirituelle und kulturelle Blüte entfaltet: Französische Einflüsse verstärken sich, Deutsch und Tschechisch erhalten als Sprachen Einzug in die Musik. Die renommierte Schola Gregoriana Pragensis präsentiert in der ehemaligen Abteikirche Otterberg einen Querschnitt durch das mittelalterliche geistliche Repertoire Böhmens. Es erklingen Teile aus Offizien böhmischer Patrone und Werke spätmittelalterlicher Marienfrömmigkeit sowie ein Echo des französischen Schaffens im 14. Jahrhundert, wie es im Veitsdom, an der Prager Universität und in dem von Kaiser Karl IV. gegründeten Emmaus-Kloster gepflegt wurde.

Im südlichen Frankreich ereignet sich im 12. Jahrhundert eine Erneuerung auf musikalischem Gebiet: Neben den seit Jahrhunderten gepflegten Gregorianischen Choral der Liturgie treten neue lateinisch-geistliche Dichtungen, die mit ebenfalls neuen Melodien verbunden werden. Sie sind Ausdruck eines geistigen Aufbruchs des 12. Jahrhunderts, der sich im weltlichen Bereich auch in der Dichtung der Troubadours niederschlägt. „Nova Cantica“ wurden und werden diese Neuschöpfungen genannt. „Ein neues Lied wir heben an“ dichtet auch Luther Jahrhunderte später im Sinne eines programmatischen Motors seiner Reformation. Das Ensemble Gilles Binchois entführt uns im Mönchssaal in Klingenmünster mit diesen „Neuen Liedern“ des 12. Jahrhunderts in eine Epoche unerhörter Modernität: Ein- und mehrstimmige Vertonungen lateinischer Dichtung in metrischer Sprache aus den geistigen Zentren dieser Zeit, wie Saint-Martial de Limoges oder Le Puy-en-Velay.

Im Fabianstift in Hornbach erklingt unter dem Motto „Fiat Unitas!“ mit dem Ensemble La Morra Musik, die mit dem großen Kirchenschisma von 1378–1417 in Beziehung steht. Diese große Verwerfung innerhalb der spätmittelalterlichen Kirche, die mit dem „Avignoner Exil“ der Päpste ihren Anfang nahm und mit der Wahl von Papst Martin V. auf dem Konstanzer Konzil vor 600 Jahren ihr Ende fand, hatte auch weitreichende Auswirkungen auf die Komponisten und die Musik dieser Zeit.

Stefan Morent

Mit den Kapellen der Päpste und Gegenpäpste und der weltlichen Herren auf den Konzilien trafen auch zum ersten Mal in einem gesamteuropäischen Kontext Musiker verschiedener nationaler Stile aufeinander, was zu einem fruchtbaren Austausch führte. Die Zeit des geistigen Umbruchs durch das Schisma und der darauf folgenden Konzilien ist damit nicht nur ein Vorbote der Reformation des 16. Jahrhunderts, sondern auch musikalisch ein Wegbereiter für die kompositorische Entwicklung der folgenden Jahrhunderte.

Die Einführung der Reformation im 16. Jahrhundert bedeutete nicht nur eine Erneuerung und die Behebung von Fehlentwicklungen in der Kirche, sie zog auch durch die Aufhebung der Klöster einen tiefgreifenden geistigkulturellen Wandel nach sich. Der über Jahrhunderte gepflegte liturgische Gesang der Mönche und Nonnen hatte keinen Ort und die Handschriften, in denen er aufgezeichnet war, keine Verwendung mehr. Wegen ihres wertvollen Pergaments wurden die Codices jedoch nicht einfach entsorgt, sondern zerschnitten und als Einbände für Akten „recycelt“. So überdauerten diese Zeugen einer verstummten, jahrhundertalte liturgischen Tradition in vielen Archiven. Ensemble Ordo Virtutum hat sich zur Aufgabe gemacht, diese Schätze zu heben, zu rekonstruieren und ihnen wieder neues klangliches Leben einzuhauchen. In der wunderbaren Krypta des Speyrer Doms erklingen so diese selten gehörten musikalischen „Nebenwirkungen“ der Reformation.

Im 14. und 15. Jahrhundert bildete sich besonders im deutsch-niederländischen Sprachraum eine Alternative zur monastischen Lebensform der Nonnen heraus: In Folge eines neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufbruchs und eines vertieften mystischen Frömmigkeitsideals verspürten immer mehr Frauen aller Stände den Wunsch, ein gottgefälliges Leben in Armut und Keuschheit zu führen. Da viele Orden sich weigerten, weitere Frauenklöster zu gründen, pflegten die so genannten „Beginen“ eine eigene Form des religiösen gemeinschaftlichen Lebens. Musikalisch schlug sich dies in neuen Formen geistlicher Dichtung nieder, die auf ältere mittelalterliche Praktiken zurückgreift und sich mit den mystischen Strömungen des 14. und 15. Jahrhunderts mischt. Ars Choralis Coeln präsentiert in Eußerthal einen Querschnitt durch diese Gesänge der „Devotio Moderna“.

Das Schlusskonzert unserer Reihe in Bechtheim knüpft an das Eröffnungskonzert an: Die erste Reformationsbewegung in Böhmen um Jan Hus, der 1415 auf dem Konstanzer Konzil verbrannt wurde, führte zur Hussitischen Bewegung. Mit ihr einher geht eine neue, auch volkssprachliche liturgische Musikausübung. Das Tiburtina- Ensemble aus Tschechien stellt Ausschnitte aus dieser wenig bekannten Gesangstradition vor.

Auch in diesem Jahr sind Sie wieder herzlich eingeladen, unserer Konzertreihe zu folgen, wie gewohnt in höchster Qualität und in sorgfältig ausgewählter Übereinstimmung von Raum und Musik.

Prof. Dr. Stefan Johannes Morent
Künstlerischer Berater