Sacri Sarcasmi

Scherz, Humor und Satire in der Musik des Mittelalters

Unter der Überschrift "Sacri Sarcasmi": Scherz, Humor und Satire in der Musik des Mittealters nimmt unsere Konzertreihe in sechs Konzerten das diesjährige Motto des Kultursommers auf.

Der küurzlich verstorbene Umberto Eco baute seinen Erfolgsroman "Der Name der Rose" um das geheim gehaltene zweite Buch der Poetik des Aristoteles, das die Komödie und damit das Lachen nobilitiert. Der blinde Bibliothekar Jorge von Burgos, dem diese Vorstellung unwürdig erscheint, tut alles, um diese Handschrift vor den Blicken anderer verborgen zu halten und schreckt dabei selbst vor Mord und der Vernichtung der Bibliothek nicht zurück.

Nun war Lachen in der Kirche des Mittelalters sicher nicht an der Tagesordnung, immerhin ist aber der Brauch des "risus paschalis", des Osterlachens, überliefert.

Neben diesem befreienden Lachen, das der Freude über den Auferstandenen Ausdruck geben soll, findet sich aber auch auf vielfältige Weise die Freude am Übertreiben, am Verdrehen, an der Verballhornung und an der Satire in der Literatur und auch der damit verbundenen Musik des Mittelalters.

Die damit auch immer einhergehende Kritik an der festgefügten Ordnung der klerikalen Hierarchie konnte in bestimmten Genres auch ziemlich direkt zum Ausdruck kommen:

So vereint der "Roman de Fauvel" Musik, Dichtung und Buchmalerei zu einer schlagkräftigen Kritik nicht nur an der Geistlichkeit, sondern auch an der weltlichen Macht des Königtums und an den unheiligen Allianzen zwischen beiden. In dieser bissig-ironischen Satire auf Intrigen, Korruption, Ämterkauf und Verlogenheit in Staat und Kirche aus dem Frankreich des frühen 14. Jahrhunderts tritt als Protagonist der falbe (frz. "fauve") Esel FAUVEL auf, dessen Name aus den Anfangsbuchstaben der Laster F = Flatterie (Schmeichelei), A = Avarice (Geiz), U/V = Vilanie (Liederlichkeit), V = Variété (Unbeständigkeit), E = Envie (Neid) und L = Lâcheté (Niedertracht) besteht. Berichtet wird vom Aufstieg und Fall Fauvels, den Fortuna auf ihrem Rad schnell aufsteigen und ebenso schnell wieder fallen lässt. In einer besonders prachtvollen Handschrift wurden in der Art eines multimedialen Gesamtkunstwerkes dem Text zahlreiche Miniaturen mit szenischen Darstellungen und 170 musikalische Einlagen hinzugefügt. Das US-amerikanische Spezialistensemble Boston Camerata unter Anne Az;téma erweckt diese köstliche Satire wieder zu klingendem Leben und überführt sie ganz im Sinne der mittelalterlichen Handschrift mit halb-szenischer Darstellung und Projektionen der bildlichen Darstellungen in eine neue multimediale Realität.

Auch im weltlichen Bereich wird die höfische Gesellschaft von den Spruchdichtern kritisiert und ihr ein Tugendspiegel vorgehalten, der die Einhaltung der höfischen Normen und Ideale einklagt. Innerhalb der weltlichen Kunst des Minnesangs karikiert etwa Neidhart von Reuental mit feiner Ironie die Ideale des hohen Minnesangs und versetzt die Szenerie in teilweise derb-burleske Bilder des Dorfangers, innerhalb derer seine Protagonisten auch nicht vor Prügelszenen und unfeinem Wortschatz zurückschrecken. Eine in Text und Musik gegossene Kritik an den sozialen Umwälzungen des späteren Mittelalters, die das Ensemble Leones im Mönchssaal in Klingenmünster zur Aufführung bringt.

Regelmäßig auf den Kopf gestellt wird die Welt durch die Gaukler und Spielleute. Und so werden sie auch meist dargestellt: in grotesken Posen, auf dem Kopf stehend und spielend, durcheinander wirbelnd, die etablierte Ordnung störend.

Stefan Morent

Auch innerhalb der klerikalen Ordnung selbst findet sich ein Ventil für das Bedürfnis nach Scherz, Groteske und Satire: In den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr entstanden an vielen Orten Bräuche, die für kurze Zeit die klösterliche Ordnung und Zucht aufhoben: Durch die Wahl eines Knabenbischofs, durch Eselsspiele ("festum asinorum") und die Verballhornung der Liturgie, wie z.B. im berühmten "officium lusorum" ("Spielermesse") der Carmina Burana-Handschrift. Die heute meist durch die Vertonung ihrer Texte durch Carl Orff bekannte Handschrift wurde um 1230 im süddeutschen Raum vermutlich im Umkreis einer geistlichen Hofhaltung angelegt. Der Witz der in ihr enthaltenen "Würfelspielermesse" besteht darin, dass die lateinischen Messtexte verdreht und verballhornt werden. Diese verdrehte Welt, die natürlich nur von der lateinkundigen Elite der Kleriker verstanden werden konnte, bietet uns das Ensemble Vox Nostra in Offenbach-Hundheim dar.

Neben diesem ohrenfälligen Ulk enthalten die Carmina Burana auch zahlreiche lateinische Gesänge, die die Verderbtheit des Klerus und die Laster der Simonie, der Verlogenheit und der falschen Frömmelei bis hin zum Abfall vom wahren Glauben anprangern. Die Dichtermusiker arbeiten hierbei mit äußerst subtilen Anspielungen unter Einbeziehung von Klassiker-Zitaten und mythologischen Themen: Kleine Meisterwerke in Dichtung und Musik, die uns das italienische Ensemble La Reverdie in seinem Konzert in der stimmungsvollen Krypta des Speyrer Doms präsentieren wird.

Dass selbst Heilige nicht allzu ernst erscheinen sollten, belegen zahlreiche legenden- und anekdotenhafte Erzählungen über ihren Lebensweg. Das Ensemble Laude illustre stellt uns solche im Volksmund und Volksglauben beliebten Begebenheiten, die auch das Komische mit einschließen, über den Heiligen Stephanus aus dem skandinavischen Raum vor.

Den Abschluss unserer Konzertreihe bildet wieder einmal ein Doppelkonzert innerhalb der "Romanischen Nacht" in der Abteikirche Otterberg: Das US-amerikanische Ensemble Capella Romana, das sich zu diesem Zeitpunkt gerade auf Europa-Tournee befindet und deshalb außerhalb des Reihenmottos eingeladen wurde, singt zunächst vom Fall Konstantinopels: Sehr selten zu hörende byzantinische Musik, auf die das Ensemble als eines der wenigen weltweit besonders spezialisiert ist. Im zweiten Teil entführt uns dann das Ensemble Nu:n wieder ganz im Sinne unseres Festivalgedankens in die köstlich-satirische Welt von "Pechvögeln, Engeln und singenden Stummen". In einer gleichzeitg respektvollen und innovativen Weise nähert sich dabei das Ensemble mit Gitarren- und Live-Elektronikklängen und vokalen Improvisationen der Musik des Mittelalters, das weder "dunkel" noch humorlos war.

Sie sind wieder herzlich eingeladen, unserer Konzertreihe zu folgen, wie gewohnt in höchster Qualität und in idealer Übereinstimmung von Raum und Musik.

Prof. Dr. Stefan Johannes Morent
Künstlerischer Berater