Helden und Legenden

Unsere Konzertreihe übernimmt mit ihrem Titel "Helden und Legenden" wieder das diesjährige Motto des Kultursommers.

Dieses entspricht wohl wie selten der Vorstellung von Mittelalter in der allgemeinen Wahrnehmung, gilt doch diese Epoche als Hort verwunschener und geheimnisumwitterter Orte, von Sagen, Legenden und Helden. Jenseits der in der populären Literatur und TV-Kultur anzutreffenden Verquickung von Fantasy und historischen Versatzstücken spielen Erzählungen und sagenhafte Stoffe für das Mittelalter tatsächlich eine prägende Rolle.

Das hängt schon damit zusammen, dass die mittelalterliche Kultur wesentlich vom Gedanken der "auctoritas" geprägt ist, der verehrenden, rückblickenden Erinnerung an große Gestalten der Vorzeit.

Im Frühmittelalter und zur Zeit der Karolinger sind dies im weltlichen Bereich vor allem die mündlichen Überlieferungen der germanischen Völker, die Kriege und heroischen Taten der alten Könige und Helden. Von Karl dem Großen wird berichtet, er habe solche Epen sammeln und aufschreiben lassen: Das sogenannte "Hildebrandslied" dürfte eines dieser frühesten erhaltenen Heldenlieder sein.

Im Bereich der ebenfalls von Karl angestoßenen "Kulturreform", der sogenannten "Karolingischen Renaissance", war es vor allem die Rückbesinnung auf die großen geistigen Leistungen der griechischen und römischen Antike, die deren Hauptvertreter zu verehrten, legendhaften Figuren werden ließ, wie etwa Pythagoras und Boethius für die Musik. Die mittelalterlichen Gelehrten bewunderten ihre antiken Vorgänger, sahen sich aber doch nach dem Bild "der Zwerge auf den Schultern von Riesen" durch ihre christliche Fundierung im wahrsten Sinne des Wortes ihnen gegenüber "überhöht". Auf diesem stabilen Fundament ließen sich dann auch die Grenzen, die Benedikt in seiner Regel für die Lektüre der Mönche mit der Beschränkung auf die Bibel gezogenen hatte, hin zu heidnischen Autoren überschreiten. So ist zu erklären, dass die gelehrte lateinische Dichtung und ihr musikalischer Vortrag in Klöstern und an geistlichen Hofhaltungen getränkt waren von Anspielungen auf Begebenheiten der antiken Mythologie, die freilich immer auf das Christliche hin gedeutet wurden. Analog zum Verhältnis zwischen Antike und Mittelalter, wird das Neue Testament als die Erfüllung des Alten Testaments verstanden. Das Leben Christi spiegelt sich in zahlreichen Vorläufern aus dem Alten Testament, die in der rhetorischen Formel der "figura" in vielen Texten der Liturgie sich gegenüber gestellt werden.

Das Leben in der Nachfolge Christi, von den Aposteln bis zu den vielen Heiligen, bringt besonders im Fall der Märtyrer zahlreiche Helden- und Wundererzählungen hervor. In ihren Viten wird regelmäßig berichtet, wie sich ihr heiligmäßiges Leben durch heldenhaften Widerstand gegen Bedrängnis, Verfolgung und schließlich den eigenen Tod erweist, und wie es danach durch zahlreiche Wunder und ihre Aufnahme in den Himmel bestätigt wird.

Stefan Morent

Der Schatz an Historiae zur Gestaltung des Stundengebets, an Sequenzen und Tropen, die dies in musikalischdichterische Gestalt fassen, ist beinahe unerschöpflich. Kaiser Karl selbst wurde zu so solch einer Gestalt des heiligmäßigen Helden und schließlich unter dem Betreiben Kaiser Friedrich Barbarossas durch Erzbischof Rainald von Dassel 1165, also vor 850 Jahren, heilig gesprochen wurde. Zu diesem Anlass entstanden eigene Gesänge zur Gestaltung des Stundengebets.

Dazu gehören aber auch alttestamentarische Stoffe, wie etwa der um Barlaam und Josaphat, die als eine Art christianisierte Version des Lebens von Buddha verstanden werden können. Die legendäre Ausgestaltung dieser Erzählung, die ihre Wurzeln in einer arabischen Fassung aus dem 8. Jahrhundert hat, berichtet, wie der indische Prinz Josaphat trotz aller gegenteiliger Vorkehrungen seines Vaters durch den Eremiten Barlaam mit Parabeln zum Christentum bekehrt wird. Sie erreichte über georgische und byzantinische Adaptionen und durch Rudolf von Ems im Mittelalter große Beliebtheit und fand so auch Eingang in die weit verbreitete "Legenda aurea" aus dem 13. Jahrhundert.

Nicht zuletzt müssen hier aber auch zwei Heilige genannten werden, die wegen ihrer Vita und ihren Wundern zu großer Beliebtheit und Volkstümlichkeit in ganz Europa gelangt sind: Nikolaus und Martinus. Der Heilige Bischof Nikolaus, der im vierten Jahrhundert in Myra wirkte, hat eine bemerkenswerte "Karriere" gemacht. Er stellt den seltenen Fall eines "interkonfessionellen" Heiligen dar, dazu mit einer großen Bandbreite an Zuständigkeiten: als Schutzheiliger der Seeleute und Schiffbrüchigen, der Pilger, Diebe, Prostituierten, Anwälte, Apotheker, Schneider, Gefangenen, Studierenden und Kinder. Die Wunder des Heiligen Nikolaus waren in der Welt des Mittelalters wohlbekannt; in vielen literarischen und musikalischen Werken finden sich Erzählungen aus seinem Leben. Der hl. Martin gilt als "Miles Christi" (Soldat Gottes), dessen Popularität durch seine großen Wohltaten und Wunder als Soldat, Eremit, Mönch und Bischof (gegen seinen Willen) und nicht zuletzt durch die "Vita Sancti Martini", die im Jahr 397 von seinem engen Freund Sulpicius Severus verfasst wurde, begründet ist. Zu seiner liturgischen Verehrung wurden Texte in enger Anlehnung an seine Vita musikalisch gefasst.

Sie sind wieder herzlich eingeladen, unserer Konzertreihe zu folgen, wie gewohnt in höchster Qualität und in idealer Übereinstimmung von Raum und Musik.

Prof. Dr. Stefan Johannes Morent
Künstlerischer Berater