Odor Balsami - „Mit allen Sinnen”

Unsere Konzertreihe orientiert sich unter dem Titel „Odor balsami” wieder am Motto des Kultursommers, das dieses Jahr „Mit allen Sinnen “ lautet und damit den Blick auf einen bis heute kontrovers diskutierten Aspekt des Mittelalters lenkt.

Denn zumindest in einer eher populärwissenschaftlichen heutigen Sicht erscheint das Mittelalter eingespannt zwischen extremer heiliger Askese und angeblich exzessiver Sinnenhaftigkeit, wobei beide Pole durch die Vorstellung von Himmel und Hölle bzw. Fegefeuer symbolisiert werden. Auch wenn diese Schwarz-Weiss-Bilder sicher zu verfeinern wären, steht außer Frage, dass dem Mittelalter neben dem Verstand auch die Sinne als von Gott dem Menschen geschenkte Gaben galten. Bereits der Philosoph Boethius erläutert im 6. Jahrhundert, dass die Ohren gleichsam Einfallstore seien, durch die die Töne und damit die Musik direkt ins Innerste des Menschen gelangen könnten.

Vielfach finden sich Beschreibungen von Gesängen und Kompositionen als „dulcis“, „dulcisonans“ oder „suavis“ – deren Übersetzung mit „süß“ wegen der in den lateinischen Termini mit eingeschlossenen theologischen Konnotationen sicherlich zu kurz greift, aber immerhin zeigt, dass die sinnliche Wirkung der Musik im Mittelalter durchaus präsent war und auch reflektiert wurde.

Im Hintergrund steht aber jeweils das Konzept, dass die Sinnlichkeit durch die inne wohnende Struktur und hier vor allem in Bezug auf die Zahlen und ihre Proportionen vermittelt wird. So muss die durch die Zahlproportionen garantierte Wahrheit und Schönheit z. B. in der Musik nicht unmittelbar hörbar sein: der in das Stimmengeflecht eingebaute liturgische cantus firmus oder die isorhythmische Struktur des Tenors in einer Motette sind trotzdem wirksam, so wie etwa Figuren, Skulpturen und Ornamente in den mittelalterlichen Kathedralen in großer Höhe nicht direkt sichtbar, aber trotzdem anwesend sind.

Ganz konkret dienten aber auch die sinnlichen Erscheinungsformen der Natur, etwa in den Düften und Farben der Blumen und Kräuter, in Abgrenzung zur weniger wohlriechenden Alltagswelt des Mittelalters, zur Charakterisierung von vorbildlichen Menschen im Glauben, die buchstäblich im „Ruch der Heiligkeit“ standen. Als großes Urbild hierfür gilt Maria, die von Anfang an mit schönen, wohlriechenden Pflanzen und heilbringenden Kräutern auch in den sie verehrenden Gesängen verglichen wurde. Und so führt unser Eröffnungskonzert am 7.9. mit dem Ensemble Ala Aurea direkt hinein in diese Duftwelt und in die Natur: Als Open-Air-Konzert vor der Basilika St. Lambertus in Bechtheim hören wir einen bunten Strauss, gepflückt aus dem musikalischen Garten des Mittelalters, in dessen Zentrum Maria steht, der, wie den Heiligen, ein heilsamer Wohlgeruch (odor balsami) entströmt.

Kräuter dienten aber im Mittelalter auch dazu, mit geheimen Rezepturen Tränke herzustellen, die für unglücklich Liebende das Schicksal wenden sollten, mit oft tragischen Folgen (man denke nur an den Liebestrank bei Tristan und Isolde). Das französische Ensemble Mora Vocis stellt am 19.7. in Hornbach die unausweichlichen Qualen der Liebe (Li maus d’amer) vor, die die Liebenden mit allen Sinnen durchleben müssen und wie sie in ihrer typischen Doppelgesichtigkeit zwischen Gift (poison) und Labsal (potion) in raffiniert verfeinerten Kompositionen des späten 14. und frühen 15 Jahrhunderts in Frankreich in Musik geschildert wurden.

Stefan Morent

Die unerreichbare hohe Frau, nach der sich der Liebende letztlich vergeblich sehnt, verschmilzt wiederum mit dem Bild der Jungfrau Maria, die ebenfalls in ihrer Vollkommenheit für den Menschen immer ein Idealbild bleiben muss. Diese Spannung zwischen der sinnlich-erotischen Frau auf der einen und der reinen Jungfrau auf der anderen Seite (mayt, wip, vrowe) hat vor allem die mittelhochdeutschen Dichter-Musiker des 13. Jahrhunderts, wie Heinrich von Meissen, herausgefordert, dessen „Minneleich“ u.a. die drei Musikerinnen des Ensembles La Mouvance am 20.9. in Rumbach vorstellen.

Neben dem Geruchssinn spielte auch das Sehen besonders im religiösen Bereich eine große Rolle, und dies nicht nur im Christentum: Das Ensemble Sarband zeigt am 27.9. in der ehemaligen Abteikirche Offenbach-Hundheim in liturgischen Gesängen und Texten aus Bibel und Koran die Parallelen zwischen dem christlichen Weihnachtsfest und der Erinnerungskultur an die Geburt des Propheten Mohammed im Islam auf: In beiden ist die Idee des „vollkommenen Lichtes“, des „Lichtes der Welt“ (lux magna) präsent, das durch göttlichen Ratschluss vom Himmel zur Erleuchtung der Menschheit auf die Erde herab kam. Unmittelbaren körperlich-sinnlichen Ausdruck findet diese mystische Vorstellung in der Sufi-Tradition im tanzenden Derwisch, der mit seinen unendlichen Drehungen die tiefe Versenkung in die unerreichbare Vollkommenheit des Göttlichen symbolisiert.

Die Sprache der Sinnlichkeit ist vor allem bereits im Hohelied der Bibel vorgebildet: Hier ist von der schönen Geliebten die Rede, der „süßen“ Freundin (dulcis amica), die den Liebenden eingehüllt in Wohlgerüche und strahlendes Licht empfängt. Das englische Ensemble White Raven bringt am 28.9. in der Krypta des Speyrer Doms englische Musik des Mittelalters zum Erklingen, die von dieser Bildsprache geprägt ist und gleichzeitig als äußerst sinnliche Musik galt, da sie als erste die Terz besonders betonte.

Beim Abschlusskonzert unserer Reihe am 3.10. bekommt nicht nur das Ohr Klänge zu hören, sondern auch das Auge Besonderes zu sehen und die Nase Düfte zu erleben. Entgegen der heute gängigen Konzertpraxis nahmen die Menschen des Mittelalters die Musik immer in ihrer Totalität wahr, eingebettet in eine Gesamtinszenierung für alle Sinne. Das Ensemble Ordo Virtutum interpretiert hierzu Organa aus der Notre Dame-Schule um 1200 in Kombination mit Ausschnitten von Karlheinz-Stockhausens Komposition „Düfte“ aus seinem Zyklus „Sonntag aus Licht“, in der im 20./21. Jh. die Synästhesie des Mittelalters wieder aufgegriffen wird, umrahmt und inszeniert mit der Lichtkunst von Casa Magica. Ein besonderer Leckerbissen für Freunde sowohl früher wie zeitgenössischer Musik, ein Gesamtkunstwerk im nächtlichen Rausch der Klänge, Farben und Düfte in der einmaligen Atmosphäre der Otterberger Abteikirche.

Sie sind wieder herzlich eingeladen, unserer Konzertreihe zu folgen, wie gewohnt in höchster Qualität und in idealer Übereinstimmung von Raum und Musik – und dieses Jahr besonders auch von Duft und Licht.

Prof. Dr. Stefan Johannes Morent
Künstlerischer Berater