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Unsere Konzertreihe orientiert sich unter dem Titel „Hortus deliciarum – köstliche Natur und göttliche Schönheit“ wieder am Motto des Kultursommers, das dieses Jahr aus Anlass der Bundesgartenschau in Koblenz „Natürlich Kultur“ lautet und das Verhältnis von Natur und Kultur in den Mittelpunkt rückt.

In der Kultur des europäischen Mittelalters kristallisiert das Verhältnis zur Natur beispielhaft im Phänomen des Gartens: Sowohl im klösterlichen wie im höfischen Bereich trennt der Garten die vom Menschen domestizierte und geordnete, von der wilden, unberechenbaren und gefürchteten Natur. Die Grenze zwischen diesen beiden Naturwelten bildet die Mauer, die den Garten umschließt, hegt und schützt.

Hat diese Mauer zunächst die ganz handfeste Aufgabe, den Nutzgarten und damit die Ernährungsgrundlage vor Gefährdungen von außen abzuschirmen, so nimmt diese Grenze auch
symbolhafte Züge als Trenn- und Schutzline zur Außenwelt an. Der Garten bietet die Abgeschiedenheit, die dem Wunsch nach intimem und persönlichem Erleben der Natur entgegenkommt. Das „eigene“ Stück Natur besitzt ein elitäres Moment und repräsentiert damit auch das Standesbewusstsein innerhalb der höfischen Gesellschaft. Als „hortus conclusus“ – wie er bereits in der Antike bekannt war – erlaubt er aber auch denen, die sich solche Gärten leisten können, die Muse zur Kontemplation.

In solch arkadische Heiterkeit (ver-)führt das Eröffnungskonzert unserer Reihe mit dem italienischen Ensemble La Reverdie, das – ganz dem Reihen-Motto verpflichtet – dieses Mal open air statt findet. Im Garten von St. Lambertus in Bechtheim erklingen unter dem Titel „La Caccia di Diana“ Auszüge aus der gleichnamigen Dichtung von Giovanni Boccaccio sowie thematisch darauf
bezogene Musik, wie sie am kunstsinnigen Hof von Robert d’Anjou im 14. Jahrhundert in Italien gepflegt wurde.

Als französisches Pendant hierzu widmet sich das Konzert des Ensembles Tetraktys in Offenbach-Hundheim Kompositionen aus dem „Codex Chantilly“, eine kunstvoll kalligraphierte Handschrift, die äußerst verfeinerte Musik der so genannten „ars
subtilior“ aus dem Frankreich des späten 14. Jahrhunderts präsentiert. Das Ensemble unter der Leitung von Kees Boeke zählt zu den hervorragendsten Interpreten dieser spätmittelalterlichenBlütezeit höfischer Musik, in der die Motive von Natur und Garten immer wieder in raffinierter Weise beleuchtet werden.

Die Termini „hortus conclusus“ oder „hortus deliciarum“ verweisen bereits auf eine ebenfalls mit dem Garten konnotierte religiöse Dimension: Auch in den Klostergärten des Mittelalters verbinden sich Nützlichkeit und geistige Erbauung. Heilkunst und religiöse Versenkung, wie sie etwa Wahlafried Strabo im 9. Jahrhundert in seinem Gartengedicht „Hortulus“ beschreibt, gehen eine direkte Verbindung ein.

Ausgehend vom Hohelied erfährt der Garten eine marianische und zugleich erotische Interpretation. Bereits das Wort „Garten“ ist von seiner indogermanischen Sprachwurzel „gher“ her mit dem Wort „umgürten“ verwandt, und auch das Wort „Paradies“ bedeutet im Persischen ursprünglich „Einzäunung“. Hieraus ergeben sich topische Bilder von Maria, die als schönste Blume in unversehrter Keuschheit im Paradiesgarten erblüht, aber auch vom Lustgarten, der die begehrte und unerreichbare Dame des höfischen Minnedienstes umgibt.

Stefan MorentAuch im Kontext des höfischen Romans – es sei hier nur der
„Roman de la Rose“ genannt – spielt das Garten-Motiv in vielfältigen Variationen eine große Rolle und findet sich in der damit verbundenen höfischen Musik der Minnesänger, Trouvères und Troubadours wieder.

Die hiermit angesprochenen Motivfelder der Marienverehrung und des Minnedienstes im Zeichen des Hoheliedes und der Thematik des Gartens haben auf vielfältige Weise Niederschlag nicht nur in der Literatur und der Buchmalerei, sondern auch in der Musik gefunden.

Solchen Spuren folgt das Konzert von Ars Choralis Coeln in der Krypta des Doms zu Speyer in Handschriften und Liederbüchern aus dem Gebiet um Köln, des Niederrheins und der Niederlande im 14. Jahrhundert. Unter dem Begriff der „devotio moderna“ geben die darin enthaltenen Lieder Zeugnis von einer verstärkten
Marienverehrung im Spätmittelalter, die auch außerhalb der alten klösterlichen Traditionen blühte und Laien zugänglich war. Besonders plastisch sind die Bilder, die hierin für Maria entworfen werden, wie z. B. die „Rose von Jericho“ oder „Maria im Rosenhag“, wie auch der Titel des berühmten Bildes von Stefan Lochner lautet.

Ebenfalls im Speyrer Dom findet außer der Reihe am 3.9. um 20 Uhr ein Sonderkonzert des Ensembles Sarband zusammen mit dem Osnarbrücker Jugendchor unter dem Thema „Llibre vermell – das rote Buch: Mittelalterliche Pilgergesänge aus Spanien“ statt, auf das wir an dieser Stelle empfehlend hinweisen möchten.

Ein anderes weit verbreitetes Bild für Maria, „Flos de spina“ – die Blume unter den Dornen“, gibt dem Konzert des Ensembles Archaica im Stift St. Fabian in Hornbach den Namen. Ausgehend von Gesängen zur Verehrung Mariens unternimmt das Ensemble eine spannende Reise durch das Kirchenjahr und stellt die verschiedensten Naturphänomene – Wasser, Licht, Feuer, Erde – , wie sie, vielfach ganz unerwartet, in ein- und mehrstimmiger
Vokalmusik des Mittelalters besungen werden, vor.

Am Abschluss unserer Konzertreihe steht bezeichnenderweise ein enzyklopädisches Werk des Hochmittelalters, der berühmte „Hortus deliciarum“ (= Garten der Kostbarkeiten) der Herrad von Landsberg aus dem 12. Jahrhundert. Die gelehrte Äbtissin des Klosters Hohenburg auf dem Odilienberg im Elsass fasst darin
für ihren Konvent das theologisch-philosophische aber auch profane Wissen ihrer Zeit in einer opulent illuminierten Handschrift zusammen. Das Original verbrannte im 19. Jahrhundert, ist aber durch ein Faksimile indirekt bewahrt. Der „Hortus“ bildet´den Ausgangspunkt für das Konzert des elsässischen Ensembles Trecanum in der Abteikirche Otterberg. Anhand ausgewählter Szenen biblischen Inhalts, die ihren Niederschlag in ein- und mehrstimmigen Vertonungen gefunden haben, erklingt so am
Ende unserer Konzertreihe noch einmal die Vision vom Garten als Hort köstlicher Natur und göttlicher Schönheit.

Sie sind herzlich eingeladen: Nehmen Sie Platz und
genießen Sie!

Prof. Dr. Stefan Johannes Morent
Künstlerischer Berater