KusoClaim

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Konzertreihe orientiert sich wieder am Motto des Kultursommers, das dieses Jahr „Über Grenzen“ lautet und die Chance bietet, die gewöhnlichen Pfade zu verlassen bzw. sie zu überschreiten

Für die Menschen des Mittelalters waren die Grenzen der ihnen bekannten Welt kaum denkbar und meist mit Angstvorstellungen verbunden: Denn was drohte am Rand jener Weltenscheibe, als die die Erde gedacht wurde? Der Fall ins Leere, in die Gottferne, in das Inferno? Sicher war nur, dass sich über der Schwere der Erd-Scheibe die lichten Sphären des Himmels wölbten, über denen schlussendlich der allmächtige Gott thronte. Er hatte alles geschaffen und seine Geschöpfe waren auf ihn und seine Verherrlichung hin ausgerichtet: „Viderunt omnes fines terrae salutare dei nostri – Alle Enden der Erde sahen das Heil unseres Gottes“; so besingt es das Graduale am Weihnachtstag.

Der Aspekt der Grenzen und ihrer Überschreitung zieht sich wie ein roter Faden durch die Konzerte der Vokalmusik entlang der Romanischen Straße 2010, seien es nun Grenzüberschreitung in geographischer, musikgeschichtlicher oder musikalischer Hinsicht.

Das Konzert des Ensembles Heinavanker aus Estland führt gleich an die Grenzen der im Mittelalter bekannten Welt: Beispiele der christlichen liturgischen Musik aus Estland, aber auch vorchristliche Lieder mythischen Inhalts zeigen die doppelte Verwurzelung dieses „Endes der Erde“ in der christlichen Kultur und gleichzeitig in lange weiter wirkenden jahrtausendealten heidnischen Traditionen.

Zahlreiche Mythen- und Sagenstoffe keltischen Ursprungs legen ebenfalls Zeugnis vom kulturellen Reichtum im Schmelztiegel zwischen englischer und französischer Kultur ab.

Einen musikalischen Grenzübertritt präsentieren die
beiden Konzerte am 11. und 12. September: Der bekannte englische Tenor John Potter gestaltet zusammen mit dem Komponisten und Arrangeur Ambrose Field in seinem Projekt „Being Dufay“ ein faszinierendes Neu-Hören des franko-flämischen Meisters Guillaume Dufay (1397-1474): die gesungenen Motetten und Chansons von Dufay werden durch Live-Elektronik erweitert, modifiziert und kommentiert und so einer Re-Composition unterzogen. Im musikalischen Dialog zwischen Bertl Mütter und Witte Maria Weber treffen menschliche Stimme und Posaune aufeinander: „Spiritus ubi vult spirat“ beleuchtet die im Mittelalter allgegenwärtigen Metaphern für den Heiligen Geist in ihren verschiedenen Schattierungen als „lebensspendendes Leben“, „den Klang alles Lobes“, „den, der die Gaben des Lichtes verleiht“ mit Gregorianischem Choral und Liedern der Hildegard von Bingen und die Posaune stimmt in diesen Gesang mit Intermezzi ein – denn in den Händen des virtuosen Improvisators Bertl Mütter kennt sein Instrument selbst keine Grenzen.

Stefan MorentEine der zentralen Grenzüberschreitungen der abendländischen Musikgeschichte, nämlich den kapitalen Schritt von der Ein- hin zur Mehrstimmigkeit, thematisiert das Konzert „Abbo Abbas“ mit dem Ensemble Dialogos unter Leitung von Katarina Livljanić. In der Krypta des Doms zu Speyer erklingen die frühesten Formen mittelalterlicher Mehrstimmigkeit, wie sie zunächst in musikalischen Lehrschriften aus der Zeit um 900 dokumentiert und wenig später auch in praktischen Quellen aus Frankreich und England greifbar sind. Hierbei handelt es sich um musikalische Erweiterungen des einstimmigen liturgischen Chorals, der durch eine zusätzliche Stimme in vorwiegend parallelen Quarten und Quinten begleitet wird. Das Tor zur Entwicklung der Polyphonie ist aufgestoßen!

An die Peripherie des europäischen mittelalterlichen Raumes bringt uns wiederum das Konzert des Ensembles Peregrina: Zwar bilden polnische Klarissen-Klöster sicher nicht den Mittelpunkt der Musikgeschichte im europäischen Mittelalter, doch zeigen die dort rezipierten Kompositionen aus der Schule von Notre Dame zu Paris, wie eng und unerwartet Peripherie und Zentrum im Mittelalter zumindest auf musikalischem Wege verbunden waren.

Im Abschlusskonzert des Ensembles Ordo Virtutum mit Anne Azéma und der Camerata vocalis kreuzen sich unter dem Kreuz des Karfreitags noch einmal Mittelalter und Moderne musikalisch: Die „Wolfenbütteler Marienklage“ aus der Zeit um 1430 gestaltet szenisch die Klage der Marien und der Jünger Jesu. Die in mittelniederdeutscher Sprache abgefasste Klage hat vor allem die „compassio“, das Mitleiden der Zuschauenden und Zuhörenden, zum Ziel; sie sollen im Zeichen spätmittelalterlicher Leidensfrömmigkeit eine entsprechende kathartische Wirkung erfahren. Gleichzeitig in Kontrast und geheimnisvoller Verbindung hierzu steht Krzysztof Pendereckis „Stabat mater“ aus seiner „Lukas-Passion“. Das 1966 komponierte Werk kommentiert und kontrastiert mit seinen eindrucksvollen Cluster-Klängen die „Marienklage“ und zeigt, dass an Grenzflächen oft überraschend Neues und Verbindendes entstehen kann.

Wir freuen uns, mit Anne Azéma, John Potter und Katarina Livljanić wiederum international renommierte Interpreten mittelalterliche Musik in unserer Konzertreihe begrüßen zu dürfen, ebenso aber Nachwuchs-Künstler wie das Ensemble Peregrina, das gerade mit einem „Echo Klassik“ ausgezeichnet wurde.

Auch die „Grenzen“ unseres Publikums möchten wir erweitern: So nimmt das Festival dieses Jahr ein mittelalterliches Theater für Kinder mit ins Programm. „Die Maultasche“, eine Produktion des Kindertheaters Speyer mit Live-Musik, führt auf spannende und unterhaltsame Weise in die Welt des Mittelaters ein.

So laden wir Alt wie Jung, Groß wie Klein herzlich ein: Auf, über Grenzen!

Prof. Dr. Stefan Johannes Morent
Künstlerischer Berater