KusoClaim

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Konzertreihe orientiert sich erneut am Motto des Kultursommers, der unter der Überschrift „Cool Britannia“ die Bedeutung von Kunst und Kultur Großbritanniens bzw. der Britischen Inseln unter Einschluss von Schottland, Wales und auch Irland thematisiert.

Der damit umrissene, durchaus heterogene Kulturraum hat bereits im frühen Mittelalter auch auf dem Gebiet der Musik eine befruchtende Rolle für den Kontinent gespielt. Die iro-schottischen Wandermönche Pirmin, Columban und Gallus etwa waren entscheidend daran beteiligt, die liturgisch-musikalische Blüte des Inselklosters Reichenau oder der Abtei St. Gallen – bedeutende
Zentren von europäischem Rang der Karolingerzeit – zu begründen. Und Abt Gregor von Einsiedeln, der im 10. Jahrhundert diesem Kloster vorstand und wahrscheinlich an der Entstehung des Codex 121 aus Kloster Einsiedeln, einer der ältesten Handschriften des Gregorianischen Chorals, mitwirkte, stammte vermutlich selbst aus Wessex bzw. aus dem Umfeld der bedeutenden Abtei Glastonbury.

Damit ist eine der wesentlichen Stoßrichtungen zur Erschließung des kulturellen Reichtums Großbritanniens angesprochen, nämlich der Kulturtransfer zwischen Insel und Kontinent, der im Spannungsfeld zwischen gegenseitiger Befruchtung und kriegerischer Auseinandersetzung – von der normannischen Eroberung bis zum Hundertjährigen Krieg – steht.

Man denke in diesem Zusammenhang etwa an den intensiven kulturellen und musikalischen Austausch zwischen England und dem Süden Frankreichs, der Normandie und des Anjou, als Eleonore von Aquitanien und ihr Mann Heinrich II. Plantagenet diese beiden Großreiche regierten. Berühmtestes Beispiel für die Verschmelzung südfranzösischer und anglonormannischenglischer Kultur dürfte wohl Eleonores Sohn Richard Löwenherz sein, der als Erbe des angevinischen Reiches gleichzeitig englischer König war und auf der Burg Trifels vom deutschen Kaiser Heinrich VI. gefangen gesetzt wurde, bis er der Sage nach von dem Trouvère Blondel de Nesle mit Hilfe eines Liedes gefunden und befreit wurde.

Zahlreiche Mythen- und Sagenstoffe keltischen Ursprungs legen ebenfalls Zeugnis vom kulturellen Reichtum im Schmelztiegel zwischen englischer und französischer Kultur ab.

Stefan MorentSo die Stoffe um König Artus, Tristan und Isolde sowie die angelsächsische Heldendichtung des „Bewoulf“. Die von archaischen Bildern geprägte Geschichte von König Hrothgar, dem Monster Grendel und dem Helden Beowulf wird Benjamin Bagby in seiner einmaligen Rekonstruktion der Kunst der Epensänger zu neuem Leben erwecken.

Aber auch der Gralsmythos mit seinen Beziehungen zum Reliquienkult des Heiligen Blutes und – bei Wolfram von Eschenbach – direkter Anknüpfung an das Herrscherhaus Anjou- Plantagenet klingt im Konzert des Ensembles „Ordo Virtutum“ an, das Gesängen zur Verehrung der Heilig- Blut-Reliquie im Mittelalter gewidmet ist.

Weiter zu nennen sind auch bedeutende Quellen früher Mehrstimmigkeit, die in England im Mittelalter entstanden: Eine der wichtigsten Handschriften für die so genannte Schule von Notre Dame, die um 1200 an der Pariser Kathedrale blüht, wurde zum Teil im Kloster St. Andrews in Schottland geschrieben – ein Beweis, wie stark die britischen Inseln trotz ihrer Lage an der Peripherie Europas an den zentralen musikalischen Entwicklungen auf dem Kontinent partizipierten. Zeitlich etwas später, in das 13. und 14. Jahrhundert, werden die Handschriften aus St. Edmunds („Old Hall Manuscript“) und Worcester datiert, deren Kompositionen einen wichtigen Beitrag Englands zur Entwicklung der abendländischen Mehrstimmigkeit darstellen. In den Konzerten der Ensembles „Red Byrd“/„Ordo Virtutum“, „Archaica“ und „Trio Mediaeval“ erklingen hieraus Werke vorwiegend marianischen Inhalts.

Im 14. und frühen 15. Jahrhundert, bereits im „Herbst des Mittelalters“ (Huizinga), wird dann England noch einmal eine wichtige, „gebende“ Rolle für die Musik des Kontinents spielen: Die von Zeitgenossen viel gerühmte „contenance angloise“ eines John Dunstaple wird zum Vorbild für französische Komponisten wie Gilles Binchois und Johannes Brassart. Der neue englische Ton dieser Musik, der aufgrund einer Neugewichtung der Intervalle von Terz und Sext eine engelsgleiche Süße und Leichtigkeit ausstrahlt und im Konzert des jungen Ensembles „chant 1450“ zu hören sein wird, bildet das klingende Signum einer Epochengrenze in der Musikgeschichte, des Übergangs vom Mittelalter in die Renaissance, und markiert damit gleichzeitig die zeitliche und programmatische Grenze unseres Festivals.

Prof. Dr. Stefan Johannes Morent
Künstlerischer Berater